Kategorien
Die Muschelinsel (Geschichte)

Die Muschelinsel Teil 2, die Netzknüpferin oder unliebsame Begegnungen

Ich lausche wieder dem Rauschen des Meeres, dass aus den Kopfhörern, in meine Ohren dringt. Dabei versuche ich mich wieder geistig auf die Muschelinsel zu „beamen“. Ich schließe meine Augen und sage dreimal das Wort „Muschelinsel“. Dabei stelle ich mir den Steg detailreich vor, so wie er bei meinem ersten Besuch gestern war.

Hier sitze ich nun wieder und atme den angenehmen Duft des Meeres ein. Rechts von mir sitzt heute nicht Miranda, sondern eine Frau. Zuerst vermute ich, es wäre ihre Stiefmutter, doch das Gesicht der Frau ist sanft, aber es liegt etwas Trauriges darin. Sie knüpft an einem Fischernetz.

„Guten Tag!“, sage ich. „Guten Tag. Mein Name ist Marge. Ich knüpfe Netze. Das macht mir viel Spass. Dieses Netz hier knüpfe ich für meine Tochter.“.

Ich stelle mich ebenfalls vor und frage: „Wie heißt Ihre Tochter? Gestern war ich schon mal hier und da begegnete ich einem Mädchen Namens Miranda.“

„Miranda ist meine Tochter. Sie wohnt da hinten, in dem Haus, bei ihrem Vater. Dieser Wicht hat mich mit einer anderen Frau betrogen. Diese ist mit ihrem Fratz in unser schönes Häuschen eingezogen. Ich selbst wohne am anderen Ende der Insel, in einer Hütte. Mit meinem kleinen Boot fahre ich immer wieder ans andere Ufer hierher, um hier am Steg zu knüpfen. Die neue Frau meines Mannes akzeptiert es großteils. Aus irgendeinem Grund hat sie großen Respekt vor mir.“

Schweigen. Ich muss die Worte von Marge auf mich wirken lassen. Dann seufzt sie und meint: „Aber ihre kleine Tochter Tamina, die muss noch viel lernen, was Erziehung und Anstand betrifft.“

Kaum waren die Worte verklungen, kommt eine andere Frau auf den Steg. Es ist Miranda’s Stiefmutter. An der Hand hat sie ein kleines, frech grinsendes Mädchen, von etwa 10 Jahren. „Mami, schau, die Frau, der Eindringling ist wieder da.“, spottet das Mädchen. „Schauen Sie, dass Sie hier weg kommen!“, schimpft die Frau. Die Kleine hat offenbar immer einige Steinchen in ihrer Schürze. Damit beginnt das Kind nun auf mich zu zielen, trifft mich tatsächlich mit einem Steinchen auf der Stirn. „Wo ist Miranda?“, frage ich, mit wenig freundlicher Stimme. Bevor die Stiefmutter antworten kann, sagt das Mädchen: „Was geht Dich das an? Die hat besseres zu tun. Aber, weil ich so lieb bin, verrate ich es Dir trotzdem. Papi war mit ihr schon in aller Frühe fischen. Dann sind sie beide mit dem Schiff aufs Festland gefahren, um Fische auf dem Markt zu verkaufen. Und nun geh!“. Bei diesen letzten Worten, der Aufforderung an mich, zu gehen, zielt sie abermals mit einem Steinchen auf mich.

Miranda’s leibliche Mutter legt das Knüpfzeug weg. Mit einer drohenden Gebärde ruft sie aus: „So lange ich hier auf diesem Steg sitze, kann sie bleiben! Denn immerhin habe ich bis vor kurzem noch hier gewohnt! Verschwindet im Haus und hör auf, mit Steinchen auf Leute zu zielen, die Dir nichts getan haben. Lern mal Anstand Kleine!“

Die Mutter packte ihre kleine Tochter fest an der Hand und zog sie in Richtung der Haustür. Dabei redete sie auf ihr Kind beruhigend ein: „Ja, ich weiß, mein Schätzchen, Du wolltest dieses schöne Fleckchen Erde nur beschützen, meine kleine, süße Meeresamazone.“

Marge funkelt den beiden böse nach. Diese „Hexe“ lässt ihrem Rotzlöffel aber auch alles durchgehen!“ Ich schüttle nur vor Verwunderung den Kopf. Das ist eine typische Stiefmutter, wie im Märchen, denke ich bei mir.

„Ich muss nun wieder weg. Miranda und ihr Vater werden wohl bald kommen.“, meint Marge. Wir verabschieden uns, sie packt ihre Sachen, steigt in ein Boot und paddelt aufs Meer hinaus davon. Kaum ist Marge weg, macht sich trotz der idyllischen Atmosphäre auf der Insel ein ungutes Gefühl in mir breit. Ich sollte nun auch wieder gehen. Ein Bisschen bleibe ich aber noch. Eigentlich schade. So eine schöne Insel und solch böse Menschen, bis auf Marge und Miranda.

Ich will gerade gehen, da kommt der kleine Rotzlöffel erneut aus dem Haus. „Na, sitzt noch immer da? Lass Dich nur nicht von Papi erwischen. Und schau mal, was ich da habe!“ Tamina grinst mich frech an. Aber was hält sie da in der einen Hand? Miranda’s Muschel. „Ich habe sie aus ihrem Kleid geklaut und werde diese Muschel nun ins Meer werfen.“ „Tu’s nicht, Tamina! Bring die Muschel dorthin zurück, wo Du sie her hast. Die Göre öffnet die Muschel und lässt die Perle auf den hölzernen Boden des Stegs fallen.

Die Haustür geht auf und die Mutter kommt heraus. Schnell lässt Tamina ihr Diebesgut fallen und rennt wieder ins Haus. Ich hebe die Muschel und die Perle auf, lege die Perle wieder in die Muschel zurück. Aber was denn nun? Wohin mit der Muschel, damit sie nicht wegkommt? Ich kann nicht hier bleiben, bis Miranda mit ihrem Vater zurück kommt. So nehme ich all meinen Mut zusammen und gehe zur Haustür. Auf mein Klopfen hin wurde von der Stiefmutter sofort die Türe geöffnet. „Was wollen Sie noch hier?“, keift sie mich an. „Mit Verlaub, meine Dame, Ihre Tochter hat Miranda die Muschel aus dem Rock gestohlen. Bitte tun Sie mir den Gefallen und verwahren die Muschel sicher, bis Miranda nach Hause kommt.“ „Nur, wenn Sie jetzt augenblicklich verschwinden!“, ruft die böse Frau mir zu, nimmt die Muschel an sich und schlägt mir die Tür vor der Nase zu.

Von Jacqueline

Ich bin Jahrgang 1982, in Wien geboren und aufgewachsen. Seit Mai 2003 lebe ich in Klagenfurt am Wörthersee.
Ich bin verheiratet und wir haben 3 Katzen, die Lucky, die Franzi und den Merlin.
Mein größtes Hobby ist das Schreiben, Geschichten, Gedichte, Tagebuch. Was meine Gedichte/Geschichten betrifft, ist es mein Bestreben, diese Welt mit meinen Texten ein Stückchen heller zu machen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s